Zukunft des Lernens – unterwegs zu einer Lernkultur der Selbstorganisation

Keynote von Prof. Dr. Rolf Arnold

Sonntag 30.10.2016 , 9:30 Uhr

Der Mensch ist – nimmt man die Erkenntnisse der pädagogischen Anthropologie ernst – „das lernende Tier“. Dies bedeutet, dass das Lernen zum Menschlichen gehört, wie das Atmen.

Allen pädagogischen Illusionen zum Trotz heißt dies aber auch: Es kann nur gefördert, nicht entwickelt werden. „Entwickeln“ kann das lernende Subjekt nur das, was in ihm ist, weshalb eine Wissensgesellschaft alle Bemühungen darauf konzentrieren muss, allen Menschen – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft – die gleichen Anregungs-, Förderungs- und Begleitungskontexte zugänglich zu machen – eine Aufgabe, die man mit dem Verbum „begaben“ (Heinrich Roth) bezeichnen könnte.

Dieser Einschätzung folgt auch die neuere Didaktik, die eine Ermöglichungsdidaktik ist. Sie löst sich von den Ansprüchen des Input (z.B. Maturitätskatalogen, Ausbildungs- und Studienplänen) und richtet ihren nüchternen Blick auf die Lernbewegung und den Kompetenz-Outcome der Subjekte. Sie erschöpft sich auch nicht (mehr) der Ausdeutung einer linearen Vermittlungs-Illusion („Wie kann das Lehrergehirn etwas dem Schülergehirn übermitteln?“), sondern nimmt die Einsichten der systemisch-konstruktivistischen Lernforschung ernst, die zu ähnlichen Einsichten gelangen, wie die neuere Hirnforschung.

Die Ermöglichungsdidaktik sprengt die Muster, die das didaktische Denken und die Inszenierung von Schule und Lernen ebenso geprägt haben, wie die eigenen lernkulturellen Erfahrungen der Lehrerinnen und Lehrer. Nur schwer können diese sich von einem Erfahrungsmuster lösen, dessen Entstehung und Verfestigung sie ihrer eigenen Biographie verdanken

Die Schaffung einer outcomeorientierten Lernkultur wird deshalb auch nicht gelingen, ohne eine Präzisierung der gewandelten Kompetenzerwartung an die Lehrenden selbst. Bildungsinstitutionen müssen die Kompetenzprofile an die Lehrenden neu begründen und präzisieren, und sie müssen glaubwürdig Personalentwicklungsprozesse in Gang setzen, deren Erfolgskriterien nüchtern darauf bezogen sind, ob und inwieweit die Lehrenden sich selbst auf eine Umgestaltung ihrer bisherigen Praxis einlassen und nicht aus der Frage, wie „zufrieden“ sie selbst mit der neu an sie herangetragenen „Anmaßung“, sich z.B. zu „Lernberatern“ zu entwickeln, selbst sind. Es ist die Wirksamkeit der Veränderung, welche sich in der outcomeorientierten Lernkultur mehr und mehr zum zentralen Kriterium der Qualität und Professionalität entwickelt.

 

Literatur:

  • Arnold, R.: Ermöglichen. Texte zur Kompetenzreifung. Baltmannsweiler 2013.
  • Arnold, R.: Wie man lehrt, ohne zu belehren. 29 Regeln für eine kluge Lehre. Das LENA-Modell. 2. Auflage.  Heidelberg 2015.
  • Arnold, R./ Haecky, B.: Der Eid des Sisyphos. 2. Auflage. Baltmannsweiler 2012.

Prof. Dr. Rolf Arnold

Univ.-Prof. Dr. Rolf Arnold vertritt das Fachgebiet Pädagogik (insbesondere Berufs- und Erwachsenenpädagogik) an der Technischen Universität Kaiserslautern. Nach mehrjähriger Führungsfunktion in einer internationalen Organisation, leitete Arnold ab 1992 den Aufbau des heutigen „Distance and Independent Studies Center“ (DISC) an der TU Kaiserslautern zu einer der größten akademischen Fernstudieneinrichtungen in Deutschland, dem er heute als Wissenschaftlicher Direktor vorsteht. Arnold ist seit 2003 der Sprecher des Leitungsgremiums des „Virtuellen Campus Rheinland-Pfalz“ (VCRP) – einem Hochschulnetzwerk mit heute mehr als 50.000 Studierenden,  war viele Jahre Verwaltungsratsvorsitzender des „Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung“ (DIE) in Bonn sowie Mitglied des Innovationskreises Weiterbildung beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

Prof. Arnold ist als internationaler systemischer Berater beim Aufbau von Bildungssystemen, der Führungskräfteentwicklung und als didaktischer Organisationsberater beim Lernkulturwandel größerer Bildungsprovider engagiert.