Die Wirkung von Coaching aus Sicht der Hirnforschung

Keynote von Prof. Dr. Gerhard Roth

Samstag 29.10.2016, 9:30

Coaching zielt ebenso wie Psychotherapie auf eine langfristige Veränderung des Denkens, Fühlens und Handelns eines Menschen einschließlich seines beruflichen und kommunikativen Verhaltens. Die psychologisch-neurobiologische Wirksamkeitsforschung hat folgende Wirkfaktoren für einen Interventionserfolg identifiziert bzw. bestätigt:

  • Eine „therapeutische Allianz“, d.h. ein Vertrauensverhältnis zwischen Coach und Klient in Hinblick auf die Kompetenz des Coaches, den Willen zur Veränderung beim Klienten und das Vertrauen Beider in die angewandte Intervention.
  • Erkenntnis- und Einfühlungskraft des Coaches in die Befindlichkeit des Klienten, dessen spezifische Problemsituation und dessen Ressourcen
  • Ein individuell angepasstes Interventionsrepertoire
  • Das Aktivieren und Verstärken von Ressourcen zur Veränderung.

Veränderungsmaßnahmen beruhen aus neurobiologischer Sicht auf folgenden Vorgängen: Durch eine erhöhte Produktion des „Bindungshormons“ Oxytocin bei Coach und Klient kommt es im Rahmen der „therapeutischen Allianz“ zu einer oft schnellen Verbesserungen der Befindlichkeit des Klienten. Dies führt zu einer Reduktion von „Stresshormonen“ (Cortisol, Noradrenalin) und einer Erhöhung von „Beruhigungsstoffen“ (Serotonin) und „Belohnungsstoffen“ (endogene Opioide und Cannabinoide). Diese Wirkungen sind aber nicht tiefgreifend. Eine ausführlichere Beschäftigung mit den Problemen des Klienten und seinen Ressourcen stärkt auf „expliziter“, d.h. bewusster kognitiver und emotionaler Weise dessen Reflexionskraft und Veränderungsbereitschaft. Die längerfristige und oft mühsame Veränderung des Klienten besteht dann im „Überschreiben“ (und nicht Löschen!) tief eingegrabener Gewohnheiten des Fühlens, Denkens und Handelns in den sog. Basalganglien des Gehirns. Dies geschieht „implizit“, d.h. unbewusst oder intuitiv, und erfordert Einüben und Wiederholen zweckmäßigerer Denk-, Fühl- und Verhaltensweisen unter Anleitung des Coaches. Dabei spielt die nichtverbale Kommunikation eine wichtige Rolle.

Die Präsentation von Prof. Roth gibt es hier zum Herunterladen.

Literatur:

  • G. Roth, N. Strüber: „Wie das Gehirn die Seele macht“. Klett-Cotta, Stuttgart, 2014
  • G. Roth, A. Ryba: „Coaching und Beratung: Wirksame Veränderungskonzepte aus Sicht des Gehirns“. Klett-Cotta, Stuttgart, 2016

 

Prof. Dr. Gerhard Roth

Geboren 1942 in Marburg/Lahn. Studium Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft in Münster und Rom. 1969 Promotion in Philosophie. Studium Biologie in Münster und Berkeley/Kalifornien. 1974 Promotion in Zoologie. Seit 1976 Professor für Verhaltensphysiologie an der Universität Bremen, bis 2008 Direktor am Institut für Hirnforschung. 1997-2008 Gründungsrektor des Hanse-Wissenschaftskollegs. 2003-2011 Präsident der Studienstiftung des deutschen Volkes. Gründer und Geschäftsführer der Roth GmbH Bremen – Applied Neuroscience.

Rund 200 Veröffentlichungen auf den Gebieten Kognitive Neurowissenschaften, Persönlichkeitsforschung und Neurophilosophie, darunter 13 Bücher. Roth erhielt für seine ehrenamtliche Tätigkeit im Bildungsbereich das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse sowie den Verdienstorden des Landes Niedersachsen.